Verantwortung

Nach einer langen Phase der Allianz zwischen den Gebrauchsgrafikern und der internationalen Wirtschaft, ist es mittlerweile zu einem Nachdenken über die ethische Verantwortung von Grafik und Design gekommen. Auf Grund der raschen Expansion und Globalisierung der Grafik in der Werbekultur sind auch die Auswirkungen auf das Konsumverhalten international. Grafik und Design sind jahrelang regelrecht dazu missbraucht worden, die Einwohner wohlhabener Industriestaaten zum Konsum von nutzlosen Dingen zu verleiten. Die Menschen in unterentwickelten Ländern haben indes häufig nicht einmal die Möglichkeit, sich das Notwendigste zum Leben zu kaufen. Im Zuge der Globalisierung werden aber gerade in diesen armen Ländern viele der überflüssigen Produkte hergestellt, meist unter unzumutbaren Bedingungen und zu regelrechten Hungerlöhnen. Die Kreativen haben lange den internationalen Konzernen geholfen, derartige Missstände hinter Hochglanz Grafiken und geschmackvollen Designs zu verstecken. Wer denkt schon beim Blättern in exklusiven Modemagazinen an die dröhnenden und schmutzigen Hinterhof-Nähstuben in Asien? Oder wer vermutet hinter den schicken Werbeanzeigen für edlen Schmuck mafiöse Zustände und Kinderarbeit?

Verantwortung der Grafiker

Doch immer öfter setzen Grafiker, Mann und Frau gleichermaßen, ihr kommunikatives Talent dazu ein, lebenswichtige ökologische und soziale Anliegen einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, statt dem Absatz derart fragwürdiger Produkte Beihilfe zu leisten und übernehmen damit ein weitaus größeres Maß an Verantwortung, als bis zuletzt. Dies passiert mittlerweile in schöner Regelmäßigkeit, wie man am Beispiel der schönen Kampagnen von PETA sehen kann. Die Grafiker haben erkannt, dass sie nicht nur die Bedürfnisse der Auftraggeber befriedigen müssen, sondern auch die der ganzen Gesellschaft. Grafik und Design besitzen eine starke Überzeugungskraft. Diese könnte für eine radikale Umkehr im Denken der Bevölkerung über wichtige Zukunftsfragen eingesetzt werden. Von der Erwärmung der Erdatmosphäre bis zu den Schuldenbergen der Dritten Welt – viele Kreativschaffende engagieren sich hier schon auf breiter Front. Nur mit mehr sozialem Engagement kann Grafikdesign eine wichtige kulturtreibende Kraft in aufgeklärten Zeiten bleiben und Verantwortung übernehmen. Die meisten Top-Designer sind sogar der Auffassung, dass die Auseinandersetzung mit Politik, Religion, Sozialisation und den wichtigen Fragen unserer Zeit eine Voraussetzung für die Hervorbringung von überzeugendem Design ist. Politisches und gesellschaftliches Desinteresse kann ihrer Meinung nach nur technisch perfekten, hübschen Schaum produzieren, der dem Beobachter nichts mehr zu sagen hat. Überzeugende Grafik muss aber anrühren und zum Nachdenken anregen. Das Ziel muss es sein, mit gutem Design die Herzen zu berühren.

Verantwortung im Produkt Design

Aber nicht nur in der Bewerbung von Öko- oder Fair-Trade-Produkten kann Grafik und Design zum Aufklärer globaler Missstände werden. Die beispielhaften Kampagnen des Benetton-Konzerns zeigen wunderbar auf, wie die Prinzipien klassischer Werbung mit sozialer Verantwortung und Öffentlichmachung sozialer Probleme aufgebrochen werden kann. Mit großformatigen Abbildungen von AIDS-Kranken, ölverschmierten Enten oder Magersüchtigen, versteht es das Unternehmen immer wieder ins Gespräch zu kommen und Diskussionen auszulösen. Den Vorwurf, Randgruppen und Benachteiligte für ihre Kampagnen zu missbrauchen, muss sich der Konzern natürlich trotzdem gefallen lassen. Die Gratwanderung beim Einsatz solcher Themen ist immer gefährlich, wenngleich der Erfolg für sich spricht. Das Unternehmen erstellte bei seinen umstrittenen Kampagnen aber immer auch in ästhetischer Sichtweise neue Maßstäbe. Frontale Großaufnahmen, beschriftete nackte Hinterteile oder Panoramaansichten von Soldatenfriedhöfen – die Kampagnen von Benetton sind die Wiege der Schockwerbung. Dabei finden sich die Farben und Designs des Unternehmens in jeder Veröffentlichung wieder. Für viele Designer hat das Unternehmen eine Vorbildfunktion für die gesamte Designbranche. Design soll nicht länger blind sein für die Konsequenzen des Konsumkapitalismus. Die visuelle Sprache soll vielmehr ein Ort werden, an dem soziale Macht organisiert werden kann. Gutes Design und gute Grafik kann uns zwingen, die Probleme der Welt mit neuen Augen zu betrachten.